PFLEX.live: „Psychische Erkrankungen – Viele Stressoren bringen das Fass zum Überlaufen“

Psychische Beschwerden wie bspw. unipolare Störungen, Angststörungen, Burnout oder Suchterkrankungen sind weiter verbreitet als viele Menschen denken: Knapp jede*r Vierte in Deutschland ist von einer psychischen Erkrankung betroffen. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich deutlich höher: Denn auf dem Thema lasten viele Vorurteile. Zudem herrscht große Unsicherheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen, gerade im Arbeitsleben. Frau Ina Bogisch vom Psychosozialen Trägerverein Sachsen e. V. wies in unserer PFLEX.live Runde am 20.10.2020 darauf hin, dass es wichtig ist, diese Stigmata und Unsicherheiten durch eine transparente Kommunikation zu verringern und die Betroffenen mit einer offenen Haltung ohne psychologische Bewertung zu unterstützen! Denn: Niemand ist davor gefeit, Jede*n kann es treffen!

 

Der erste Gedanke vieler Menschen, wenn sie „psychische Erkrankungen“ hören: Mitleid, Überforderung, Angst, Zurückweisung oder – aus betriebswirtschaftlicher Sicht – hohe Fehlzeiten. In vielen Köpfen ist es eher ein Tabu-Thema, doch durch die heutige, schnelllebige Gesellschaft sind psychische Beschwerden allgegenwärtig und gerade auch im Pflegeberuf immer wahrscheinlicher. Doch wie geht man damit um? Hier ist es wichtig, sich mit den Grundlagen und Fakten auseinanderzusetzen, um angemessen handeln zu können.

Die Entstehung psychischer Erkrankungen ist individuell. Es gibt nicht DEN auslösenden Persönlichkeitszug und nicht DEN bestimmten Einfluss aus der Umwelt. Entscheidend ist, wie stark oder schwach die eigene Verletzlichkeit ausgeprägt ist UND wie stark einströmende Stressoren den Menschen psychisch beanspruchen. Je mehr Stressoren auf einen Menschen einprasseln umso geringer wird sein Grad der Verletzlichkeit und desto eher wird das “Fass zum Überlaufen” gebracht: Der Mensch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch krank.

Die eigene Verletzlichkeit hat niemand in der Hand, da diese durch genetische/biologische, psychische und soziale Faktoren beeinflusst wird. Zwar sind auch Stressoren wie Arbeitsplatzunsicherheiten, Krisen, Über- oder Unterforderung oder stetig hoher Leistungsdruck gerade in der aktuellen Zeit nicht immer vermeidbar. Doch genau hier liegt laut Ina Bogisch die entscheidende Stellschraube: Die Grenzen der Belastbarkeit durch die andauernden Stressoren müssen klar kommuniziert werden, sowohl von den Betroffenen als auch von Außenstehenden! Stressbelastungstests oder Schulungen können hier hilfreich sein. Frühwarnzeichen wie Verhaltensänderungen, Unruhe, Konzentrationsstörungen oder plötzliche Gereiztheit am Arbeitsplatz sollten erst genommen und angesprochen werden. Ina Bogisch betont: Wichtig ist es, Beobachtungen neutral zu schildern, nicht zu werten! Die eigenen Sorgen und Wünsche müssen geäußert und Unterstützung in jedem Fall angeboten werden!

Auch wenn ein Unternehmen aktuell keine psychisch erkrankten Mitarbeitenden hat, sollte das Thema offen kommuniziert und die Belegschaft sensibilisiert werden. Nichts ist schlimmer, als psychische Erkrankungen im Unternehmen aufgrund von Unsicherheit zu beschönigen, zu verleugnen oder Betroffene zu verurteilen. Ein offener Umgang hingegen stärkt Betroffene und den Teamzusammenhalt.