PFLEX.live am 11.05.2021: Systemische Pflegeberatung

In der ersten PFLEX.live Runde im Mai war Frau Anja Palesch zum Thema Systemische Pflegeberatung zu Gast. Anja Palesch ist examinierte Krankenschwester, systemische Beraterin, Diplom-Pflegewissenschaftlerin und Inhaberin des Unternehmens Fachkräftesicherung im Gesundheitswesen. Was ist Systemische Pflegeberatung? Wo ist der Unterschied zur klassischen Pflegeberatung nach §§ 37 und 7a SGB XI??

Das Angebot der klassischen Pflegeberatung zielt im Sinne eines Case Managements vorwiegend auf Information und rechtliche Aspekte ab. Die Vermittlung von Selbsthilfe und die Vermittlung zur Klärung rechtlicher Fragen ergänzen das Angebot.

Wenn Ratsuchende emotional belastet sind, dringend notwendige Hilfen von Pflegebedürftigen nicht akzeptiert werden oder die Pflegesituation sehr konfliktbehaftet ist, kommt die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI an ihre Grenzen. Genau dort setzt die Systemische Pflegeberatung an.

Dem Eisbergmodell nach Siegmund Freud folgend, befinden sich die Angebote der klassischen Pflegeberatung auf der Sachebene - bei dem Teil des Eisbergs, der für Berater:innen sichtbar ist. Unter der Wasseroberfläche können jedoch nicht sofort sichtbare, aber teilweise belastende Aspekte der Pflege liegen. Dazu gehören Emotionen, Wünsche, Sorgen, Hoffnungen, ungeschriebene Familiengesetze, Glaubenssätze etc. Diese werden in der Systemischen Pflegeberatung bearbeitet.

Im Rahmen der systemischen Pflegeberatung wird das Modell der Salutogenese (von Aaron Antonovsky) welches darauf fokussiert, was den Menschen gesund erhält, nutzbar gemacht. Die systemische Pflegeberatung sucht Optionen der Prävention und möglichen Gefahren von Erkrankungen vorzubeugen. Zudem werden Widerstandsressourcen (intern/extern) der zu Beratenden Personen ermittelt. Elementare Elemente der Salutogenese, die herangezogen werden sind:

  • Verstehbarkeit der Situation: durch Informationen zum Krankheitsbild, wichtige Aspekte bei der Pflege und Versorgung
  • Bewältigbarkeit/Handhabbarkeit: Was benötigen pflegenden Angehörige, um sich bei der Versorgung gut zu fühlen? Wer kann langfristig in welcher Phase unterstützen?
  • Sinnhaftigkeit/Bedeutsamkeit: Aus welchen Gründen betreuen und pflegen Angehörige? Aus Verantwortungsgefühl? Ist es Sinnstiftend? Welche Auswirkungen kann die Pflegesituation in zwei oder fünf Jahren für die Angehörigen haben?

Wichtig ist, dass es bei der systemischen Pflegeberatung nicht darum geht, wieso ein Problem vorhanden ist, wer daran Schuld haben könnte und welche Fehler gemacht wurden. Es wird vielmehr danach geschaut was geschehen muss, damit das Problem gelöst wird. Grundlegend ist die Auffassung, dass Suchende als Expert:innen der eigenen Sache oft die Lösung selbst entwickeln können und Berater:innen sie auf dem Weg dorthin unterstützen können.

Welchen Mehrwert hat die Sytemische Pflegeberatung für Pflegeberater*innen und Ratsuchende?

  • Mehr Präventionsmöglichkeiten statt eines punktuellen Krisenmanagements
  • Ressourcen werden bei den Ratsuchenden selbst gesucht und gefunden. So können Situationen verändert werden, um Herausforderungen erfolgreich anzunehmen.
  • Statt vieler Ratschläge, die nicht leicht umzusetzen sind, werden Lösungsansätze entwickelt.

Für Berater:innen ergeben sich zudem weitere Vorteile:

  • Selbstreflexion wird in der Beratung möglich
  • Besserer Umgang mit herausfordernden Beratungssituationen
  • Persönliche Weiterentwicklung als Berater:in
  • Möglichkeit eines neuen Geschäftsfeldes

Wie wird systemische Pflegeberatung (re-)finanziert?

Aktuell ist die systemische Pflegeberatung noch keine Leistung des SGB XI. Pflegende Angehörige müssen die Beratung, die über das Leistungsspektrum §§ 37 und 7a SGB XI hinaus geht, selbst bezahlen.  Allerdings können beispielsweise Arbeitgeber:innen bis zu 600 € als steuerbegünstigte Leistung zur Pflegeunterstützung bezahlen.

Faktenblatt zur Systemischen Pflegeberatung