Gewalt in der Pflege an professionell Pflegenden

Der Pflegealltag fordert Tätigkeiten, die eine gewisse körperliche und psychische Nähe unumgänglich machen: Sei es die Unterstützung beim Ankleiden oder dem Gang zur Toilette, die Durchführung der Körperpflege oder das Durchführen von persönlichen Gesprächen. Diese und weitere Situationen bergen oft die Gefahr von Gewalt und Aggressivität seitens der Pflegebedürftigen. Hier ist es wichtig, diesen Situationen vorzubeugen und Möglichkeiten für den Umgang mit solchen Erfahrungen im Unternehmen und auf persönlicher Ebene zu nutzen.

Übersicht

Es gibt keine klare Definition und Grenze, wo Gewalt anfängt – das ist vielmehr abhängig von zahlreichen Faktoren. Doch eins ist klar: Gewalt ist nicht nur körperlich, sondern kann auch auf emotionaler und psychischer Ebene stattfinden. Somit sind auch aggressives Verhalten, respektlose Kommunikation oder verbale Drohungen Formen von Gewalt in der Pflege. Davon können sowohl Pflegebedürftige als auch pflegende Angehörige oder professionell Pflegende betroffen sein.

Denn oftmals wird das Thema „Gewalt“ in erster Linie mit den gewalttätigen Übergriffen und freiheitsberaubenden Maßnahmen an den Pflegebedürftigen in Verbindung gebracht – Ein Bild, was tatsächlich viele sofort im Kopf haben. Doch gerade auch die Pflegenden erleben in ihrem Beruf körperliche und auch verbale Übergriffe. Bei den Pflegekräften in der stationären Altenpflege gaben in Umfragen 73 Prozent Gewalterleben an, bei den Pflegekräften in der ambulanten Pflege 51 Prozent. 1 Die Zahlen sind also erschreckend – und werden oftmals tabuisiert oder das Thema Gewalt als „Berufsrisiko“ abgetan.

Formen von Gewalt

Ursachen finden

Nicht immer ist die Ursache von Gewalt klar ersichtlich. Doch es ist wichtig, mögliche Gründe für aggressives und gewaltsames Verhalten zu suchen – um die Situation besser zu verstehen und Vorfälle im Vorfeld vermeiden zu können.

Mögliche Gründe

Es ist wichtig, genau diesen möglichen Ursachen auf den Grund zu gehen. Denn nur wer den Auslöser kennt, kann gewalttätigen Situationen und Ausbrüchen vorbeugen.

Tipps im Umgang mit den Pflegebedürftigen – Übergriffen vorbeugen

  • Immer im Blickfeld der Pflegebedürftigen sein.
  • Einzelne Schritte der durchzuführenden Tätigkeit genau erklären z.B. wenn der Arm berührt oder die pflegebedürftige Person angehoben wird.
  • Geben Sie den Pflegebedürftigen einen weichen Gegenstand in die Hände – dadurch wird z.B. ein körperlicher Übergriff durch Kratzen verhindert.

Nicht jeder gewaltsamen Situation kann vorgebeugt werden – oftmals spielen viele verschiedene Faktoren zusammen. Häufig ist auch die Tagesform der Pflegebedürftigen entscheidend – mal ist der Patient gut gelaunt, mal weniger. Wichtig dabei:

  • Finden Sie die Ursachen für das gewalttätige Verhalten der Pflegebedürftigen. Überlegen Sie, was die Gefühle ausgelöst haben könnte.
  • Beugen Sie Gewalt und Aggression vor: Nehmen Sie Gefühle und Bedürfnisse ernst und unterstützen Sie die Selbstständigkeit der Bewohner & vermitteln Sie Sicherheit, d.h. erhalten Sie Gewohnheiten und Rituale.
  • Bleiben Sie in jeder Situation ruhig – vermeiden Sie Beschimpfungen und aggressive Gegenreaktionen! Achten Sie auf Gestik, Mimik und Körperhaltung!
  • Vermitteln Sie das Gefühl einer gemeinsamen Lösungssuche.
  • Bringen Sie sich falls nötig aus der „Gefahrenzone“ und verlassen Sie den Raum – holen Sie sich Hilfe und melden Sie die Situation.

Dennoch ist es ratsam, das Pflegepersonal im Umgang mit solchen Situationen zu schulen, denn die Folgen von Gewalterlebnissen sind vielfältig – und werden leider nicht immer vom Unternehmen gesehen.

Tipps um Umgang mit Gewalterlebnissen

  • Gestehen Sie sich die Situation und das eigene Empfinden ein – schildern Sie die Situation.
  • Werten Sie aggressive Verhaltensweisen und Anschuldigungen nicht als persönlichen Angriff.
  • Suchen Sie sich im Team Hilfe und Unterstützung – sprechen Sie Ihre Angst und eventuelle Hilfslosigkeit an.
  • Lassen Sie Ihre Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen mit der Bewältigung des Gewalterlebnissen nicht allein! Finden Sie gemeinsam konstruktive Lösungen und lassen Sie das Problem nicht im Sande verlaufen.
  • Wichtig: Jede*r empfindet aggressive Situationen unterschiedlich – was für die eine Person schon zu viel ist, empfindet eine andere Person noch als harmlos. Akzeptieren Sie daher die Ansichten.
  • Sprechen Sie klar im Unternehmen an, dass die Professionalität der Pflege keine Hinnahme der Gewalt nach sich zieht – jede*r hat Grenzen und Grundrechte!
  • Sehen Sie Gewalt nicht als Tabu-Thema an! Sprechen Sie das Thema hingegen offen im Unternehmen an und integrieren Sie die Gespräche darüber als festen Bestandteil in die Kommunikationskultur!
  • Verschaffen Sie sich eine Pause zur Beruhigung – Abstand ist wichtig.

Gewaltprävention ist eine Sache des Arbeitsschutzes:

  • Reflektieren und Dokumentieren Sie die Vorfälle. Nutzen Sie diese für Fallbesprechungen.
  • Erarbeiten Sie im Team gemeinsam ein Konzept zum Umgang mit Gewalt. – Das ist ein Thema des Arbeitsschutzes!
  • körperliche und psychische Übergriffe erfassen und dokumentieren
  • Verfahrensweise nach Übergriffen erarbeiten und implementieren
  • Nachsorgengebote schaffen und Entlastungsmöglichkeiten anbieten – Hier ist immer eine Unfallanzeige vorzunehmen, egal ob es sich um eine körperliche oder psychische Auseinandersetzung handelt.

Wichtig!

  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter*innen für solche Vorfälle – hinsichtlich der Früherkennung von Gewalt und dem Umgang damit!
  • Bieten Sie den Mitarbeitenden Weiterbildungsmöglichkeiten an! Sowohl im Umgang und zur Prävention von Gewalt als auch generell zu Demenzerkrankungen (denn von diesen Einschränkungen gehen die meisten aggressiven Tätigkeiten aus!)
  • Schaffen Sie Austauschmöglichkeiten der Pflegekräfte untereinander!
  • Bieten Sie interne Veranstaltungen dazu an!
  • Nehmen Sie die Themen in Fallbesprechungen auf!
  • Stärken Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Mitarbeiter*innen durch Kurse zur Stressbewältigung oder Selbstverteidigungskurse. Aber: Es soll damit keine Gewalt gegen die Pflegebedürftigen hervorgerufen oder verstärkt werden! Sie dienen jedoch zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Pflegekräfte können geschulter auf derartige Situationen reagieren!

Unterstützungsangebote

Die BGW bietet rund um das Thema „Gewalt“ zahlreiche Unterstützungsangebote

  • Für Führungskräfte und Beschäftigte, die für die Entwicklung von Präventionsmaßnahmen in BGW-Mitgliedsbetrieben verantwortlich sind, bietet die Berufs- genossenschaft kostenfreie Seminare zum professionellen Umgang mit Gewalt und Aggression an. Die Seminare zielen auf die Erarbeitung und Umsetzung innerbetrieblicher Lösungskonzepte: siehe www.bgw-online.de, für Kliniken Suchstichwort „PUGA3“, für Altenpflegeeinrichtungen Suchstich- wort „PUGA2“.
  • Führungskräfte aus BGW-Mitgliedsbetrieben können darüber hinaus kostenfrei am Seminar „Gewalt und Aggression systematisch vorbeugen – Eine Führungsaufgabe“ teilnehmen, das die Berufsgenossenschaft ab 2018 anbietet: siehe www.bgw-online.de, Suchstichwort „UMPU“.
  • Weiter fördert die BGW in ihren Mitgliedsunternehmen die Ausbildung inner- betrieblicher Deeskalationstrainerinnen und -trainer. Diese haben dann die Aufgabe, im eigenen Unternehmen am Aufbau eines professionellen Deeskalationsmanagements mitzuwirken. Weitere Informationen zu diesem kürzlich erweiterten Förderprogramm gibt die Berufsgenossenschaft unter www.bgw-online.de/goto/deeskalation.

Faktenblatt zur Gewalt in der Pflege